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Schweiz­wei­tes Wochen­ma­ga­zin «Migros Maga­zin» berich­tet über Dust of Soul

19. August 2013

Ein neu­es Leben für Dus­ty & MiKey

Als Saskia Stäub­le mit nicht ein­mal 30 Jah­ren einen Hirn­schlag erlei­det, weiss sie: Es ist Zeit, etwas zu ver­än­dern im Leben. Sie erfüllt sich ihren Traum und wird Sän­ge­rin. Durch die Musik lernt sie Micha­el Oder­matt ken­nen. Als Dus­ty und Mikey wol­len die bei­den die Her­zen der Zuhö­rer erobern.

Vie­le Jah­re lang hat­te die gebür­ti­ge Bas­le­rin Saskia Stäub­le (31) eine Visi­on: Sie woll­te mit ihrer Stim­me die Her­zen der Men­schen berüh­ren. Sin­gen war immer ihre gros­se Lei­den­schaft; schon als Sechs­jäh­ri­ge trat sie in Chö­ren und Thea­ter­häu­sern auf, mit 14 Jah­ren war sie in einer Girl­group. Doch ihr Leben nahm vie­le Wen­dun­gen, bevor sie an ihr gros­ses Ziel gelang­te. In einem Vier-Ster­ne-Hotel in Rhein­fel­den AG absol­vier­te sie eine­Koch­leh­re, arbei­te­te danach in Zürich und «rutsch­te» in zwei län­ge­re Bezie­hun­gen. In der zwei­ten Bezie­hung kam es zu Gewalt­tä­tig­kei­ten, die jun­ge Frau hör­te auf zu sin­gen. Erst nach der Tren­nung wand­te sie sich wie­der der Musik zu. «Ich war drei Jah­re lang allei­ne und muss­te den Schmerz ver­ar­bei­ten. Aber mei­ne Stim­me gab mir immer wie­der Kraft», erzählt Saskia Stäuble—ehrlich, warm­her­zig, fein­füh­lig und ver­letz­lich zugleich. Ihr Künst­ler­na­me «Dus­ty» (auf Deutsch «stau­big») lei­tet sich von ihrem Nach­na­men ab.

Danach arbei­te­te sie im Ser­vice und ging eine neue Bezie­hung ein. Sie leb­te in einer schö­nen Woh­nung in Luzern und hat­te genü­gend Geld.Und trotz­dem sag­te ihr eine inne­re Stim­me, dass etwas nicht gut sei. Ihr Gefühl wur­de immer stär­ker, dass sie nicht das mach­te, was sie wirk­lich woll­te. «Vor andert­halb Jah­ren ging ich in die Küche und woll­te die Kat­zen füt­tern. Plötz­lich brach ich zusam­men, die lin­ke Gesichts­hälf­te war gelähmt, die Zun­ge konn­te ich nicht mehr bewe­gen. Ich lag am Boden und wein­te nur noch», erzählt Dus­ty. Die Ärz­te dia­gnos­ti­zier­ten einen Hirn­schlag, die Neu­ro­lo­gen konn­ten sich kei­nen Reim dar­auf machen. Sie hin­ge­gen schon: Sie wuss­te, dass sie nicht ihr rich­ti­ges Leben leb­te. Dar­auf habe der Kör­per reagiert.

Dus­ty han­del­te, been­de­te ihre Bezie­hung und sag­te zu ihrer Che­fin: «Ich muss Sän­ge­rin wer­den.» Sie such­te Bands zur Koope­ra­ti­on, nahm bei der Sen­dung «Die gröss­ten Schwei­zer Talente»des Schwei­zer Fern­se­hens teil, wo Juror DJ BoBo mein­te, ihr Talent rei­che für Schwei­zer Büh­nen nicht aus. «Ich wuss­te, ich muss enorm an mir arbeiten.»

Als sie sich tra­fen, zeich­ne­te sich am Hori­zont ein Regen­bo­gen ab

Im Som­mer 2012 reis­te sie erst­mals nach New York. Als sie am Flug­ha­fen JFK lan­de­te, brach sie in Trä­nen aus und sag­te sich: «End­lich bin ich zu Hau­se ange­kom­men.» Sie bil­de­te sich bei einer Gesangs­leh­re­rin wei­ter und arbei­te­te in einer Gar­de­ro­be, um sich über Was­ser zu hal­ten. Zurück in der Schweiz, trat Micha­el Oder­matt (23) in ihr Leben. Die Sän­ge­rin hör­te von jeman­dem, der New York eben­falls liebt und Pia­nist ist. «Wir haben uns am 15. Juli 2012 am Bahn­hof in Luzern getrof­fen. Als er die Son­nen­bril­le abnahm, sah ich das Feu­er in sei­nen Augen», erin­nert sich Dus­ty. Sie sag­te ihm, sie möch­te wie­der nach New York rei­sen. Und just in dem Moment, als Micha­el sie bat, ein Lied vor­zu­sin­gen, zeich­ne­te sich am Hori­zont ein Regen­bo­gen ab. Er erzählt: «Als ich ihren Song hör­te, wuss­te ich sofort: Das ist es. Ich wur­de nervös.»

Aus Micha­el wur­de Mikey, oder«My Key», mein Schlüs­sel. Sän­ge­rin Dus­ty und Kla­vier­spie­ler Mikey tra­fen sich wie­der, stell­ten fest, dass sie in Luzern in den glei­chen Restau­rants und Cafés ver­kehr­ten, ohne sich je begeg­net zu sein. Sie trau­te ihren Ohren kaum: «Ich habe 25 Jah­re lang Melo­dien in mir getra­gen, und als Mikey mir sei­ne Kom­po­si­tio­nen auf dem Pia­no vor­spiel­te, hör­te ich mei­ne eige­nen Lie­der auf einem Instru­ment tran­skri­biert!» Die bei­den flo­gen 2012 für einen Monat nach New York und gaben in der Pia­no-Bar «Don’t Tell Mama» ihr ers­tes gemein­sa­mes Konzert. 

Mikey, der nach der kauf­män­ni­schen Aus­bil­dung in der Gemein­de­ver­wal­tung von Emmen LU in einer Film­ver­triebs­fir­ma in der Buch­hal­tung gear­bei­tet hat­te, ent­schied sich, mit Dus­ty die­sen März erneut für drei Mona­te nach New York zu rei­sen. Sie ver­kauf­ten Gold­vren­e­li und alles aus ihren Haus­hal­ten, das sie in Geld umwan­deln konn­ten, nur um sich Man­hat­tan für ein paar zusätz­li­che Tage leis­ten zu kön­nen. «Mei­ne Fami­lie und mei­ne engs­ten Freun­den haben am wenigs­ten an mich geglaubt»,räumt Mikey ein. «Aber dank der Musik ver­trau­ten wir uns gegen­sei­tig.» Die zwei sind in ihrer eige­nen Welt ange­kom­men, in der sie immer zu leben wünsch­ten, in der Welt der Musik.«Ich woll­te bewusst aus der Kom­fort­zo­ne Schweiz aus­bre­chen und mei­nen­Ho­ri­zont erwei­tern. End­lich habe ich einen Men­schen gefun­den, der genau gleich denkt wie ich», sagt er. Heu­te sind Mikey und Dus­ty nicht nur auf der Büh­ne ein Paar.

In New York schrie­ben sie ein Musi­cal über ihre Lebens­ge­schich­te, mie­te­ten Stu­di­os, wo sie 20 Songs kom­po­nier­ten. Sie muss­ten 43 Mal ihre Unter­kunft wech­seln, weil sie sich­Ho­tels nicht leis­ten konn­ten. Sie über­nach­te­ten oft bei Ein­hei­mi­schen, von denen sie spon­tan ein­ge­la­den wur­den. Und sie gaben meh­re­re Kon­zer­te. Dus­ty sagt: «Wir stell­ten fest, dass unse­re Musik die Men­schen und ihre See­len berührt.» Sie sei frü­her Aus­sen­sei­te­rin gewe­sen, weil ihr gesagt wur­de, ihre Stim­me sei zu stark, die Stimm­far­be pas­se in kein Sche­ma. «Heu­te bin ich stolz dar­auf.» Und Mikey weiss, dass er mit sei­nen Pia­no­k­län­gen die Her­zen der Zuhö­rer öff­nen kann. Schon als klei­ner Jun­ge spiel­te er Klavier.

Die Fans meh­ren sich, und doch wird das Geld lang­sam knapp

Inzwi­schen hat das Duo auf Face­book über 64000 Fans, vie­le zwi­schen 14 und 25 Jah­re alt. Rund ein Vier­tel der Fans wohnt in Tunesien,«weil die Ein­hei­mi­schen dort noch mehr mit dem Her­zen leben». Für die bei­den Her­zens­men­schen ist es des­halb nur logisch, ins nord­afri­ka­ni­sche Land zu rei­sen. «Wir wer­den im Sep­tem­ber nach Tunis flie­gen und meh­re­re Kon­zer­te in einem Hotel oder in einem klei­nen Thea­ter geben», sagt Dus­ty. Sie sind dar­an, die Rei­se zu orga­ni­sie­ren — wohl wis­send, dass es ohne Spon­so­ren nicht geht. Denn momen­tan lebt das Paar noch vom­Geld aus dem Ver­kauf ihrer Habe. Lang­sam geht es ihnen aber aus.«Wir sind tap­fer und glau­ben, dass sich für uns und unse­re Musik irgend­wo eine Tür öff­net», sagt Mikey. 

• Tit­le-Foto­gra­fie von Tan­ja Demar­mels
• Text von Reto E. Wild, Jour­na­list bei «Migros Magazin»

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